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Rundbrief - April 2010



Diesen Rundbrief können Sie auch als PDF-Datei herunterladen:
Rundbrief April 2010

Protopopowka, April 2010

Liebe Vereinsfreunde,

Seit unserer Vereinshauptversammlung am 28.02.2010 sind schon einige Wochen vergangen. Wir danken Euch herzlich für das Interesse und die Unterstützung auf allen Gebieten.

Seit unserem letzten Informationsbrief sind viele interessante Dinge geschehen. Wie auch in Deutschland hatte der Winter die Ukraine fest im Griff. Schnee und Eisregen, Frost und Tauwetter wechselten in schneller Folge. Tagelang blockierten LKW die Stadt-Ausfahrten, die Fahrer konnten mit fremder Hilfe nicht rechnen. Auch die sonst so eifrige Polizei fühlte sich nicht verantwortlich, die Stadtdurchfahrten für LKW zu sperren. So entstand ein Riesenchaos. Die am dritten oder vierten Tag kommenden Räum- und Sandstreufahrzeuge konnten auch nicht mehr helfen, weil zu viele LKW quer standen und so die Straßen blockiert wurden.

Unser Brotauto hatte öfter Probleme, auf einem Schleichweg aus der Stadt hinaus zu kommen. Jeder war auf sich gestellt. So kauften die gestrandeten Fahrer viele Salz-Pakete und konnten die Straßen - oft nur für kurze Zeit - befahrbar machen.

Als der Schnee endlich taute, gab es böse Überraschungen. Viele Straßen waren zwar von Schnee und Eis befreit, das abfließende Wasser hatte jedoch einen Großteil des Straßenbelages mitgenommen und tiefe Löcher klaffen bis heute in den Straßen.

Straßenschäden nach dem Winter in der Ukraine


 Der König ist tot - es lebe der König!

Anfang des Jahres waren wieder Wahlen für den neuen Präsidenten in der Ukraine. Mit einem kleinen Vorsprung konnte der damalige Verlierer der „Orangenen Revolution“ nun doch Präsident werden. Oberflächlich gesehen geht alles weiter, wie es war. Nur wer genauer hinsieht und hört, merkt den Unterschied. So ist eine Kurskorrektur Richtung Russland zu verzeichnen. So wird die erst kürzlich begonnene Aufarbeitung der durch Stalin ausgelösten Hungersnot 1932/33 (über 5 Millionen Tote, davon 2 Millionen allein in der Ukraine) eingestellt.
Begründung: Mangelndes Interesse!

Am 21.04. wurde der Vertrag um den Verbleib der russischen Schwarzmeerflotte auf der Krim um weitere 25 Jahre verlängert. Am gleichen Tag kam die Nachricht, dass Russland der Ukraine bei den Gaspreisen entgegenkommt!

Ökonomisch und politisch befinden wir uns in einem schwerelosen Zustand zwischen Kommunismus und  Kapitalismus.

 Wenn es auf der Kippe steht....!

Wir waren dabei, unsere Sachen im Saarland zu packen und zu unserem Vereinstreffen nach Elsterberg zu fahren, als es Gabi plötzlich schlecht wurde. Sie verfiel zusehends, so dass wir gleich zusammen in die Rettungsstelle fuhren.
Nach stationärer Aufnahme wurde Gabi in der Nacht noch auf die Intensivstation verlegt. Als unser Treffen in Elsterberg zu Ende ging, erhielt ich die Nachricht, dass eine Notoperation nötig geworden ist. Nach einigen Tagen ITS und weiterem stationären Aufenthalt konnte Gabi Mitte März entlassen werden.

Uns ist ganz bewusst, welche Gnade es war, dass wir gerade in Deutschland waren. Hier in der Ukraine hätte Gabi die Phase der Diagnostik sicher nicht überlebt. So sehen wir wieder, dass es Gott gut mit uns meint, dass Er spricht und uns auch weiter führen will. All denen, welche so treu in dieser Zeit mit einstanden, ein herzliches Dankeschön. Besonders bedanken wir uns bei meinen Eltern, die trotz hohen biblischen Alters keinen Augenblick gezögert haben und mit mir in die Ukraine gekommen sind, um die entstandene Lücke zu schließen.

 Christus woskres! Woistino woskres!

In diesem Jahr fiel Ostern in Europa mit dem Osterfest der orthodoxen Kirche auf einen gemeinsamen Termin. Wir konnten zusammen mit Euch allen die Auferstehung unseres Herrn feiern! Wir waren im Kinderheim Alexandria zu einer kleinen Osterfeier eingeladen. Die Kinder hatten ein Programm vorbereitet. In vielen Liedern, Gedichten und kurzen Schauspielen schilderten sie ihre Osterfreude.

ukrainische Kidner aus dem Kinderheim in Alexandria

Wieder einmal eine Gelegenheit, das Kinderheim intensiver zu betrachten. Wir stellten auch hier eine positive Entwicklung fest, zum Teil neu renovierte Räume, ordentliche Kleidung und eine gute Atmosphäre machen Mut auf die Zukunft.
Es ist hier Brauch - ähnlich wie in Deutschland, am Neujahrsmorgen mit:
Ein gutes neues Jahr“ zu grüßen - am Ostersonntag, egal wo man sich trifft, ob in der Kirche, Restaurant, auf der Straße, ja auch im Stall, es wird mit einem:
Christus ist auferstanden“ gegrüßt und als Antwort kommt die Bestätigung: „ER ist wahrhaftig auferstanden!“. Wir beten, dass dieses Bekenntnis vom Ohr und dem Mund ins Herz geht und das tägliche Leben verändert!

 Wider alle Vernunft!

Es war wieder einmal so weit, durch einen längeren Krankheitsfall bedingt, brauchten wir eine neue Mitarbeiterin. Wen sollten wir ansprechen? Natascha (51 Jahre) - unsere Nachbarin - lag uns schon lange am Herzen. Die letzten acht Jahre Nachbarschaft sprachen nicht gerade für sie. Laute Musik, Feste und Skandale zierten ihr Dasein. Auch hatte sie schon viele Jahre nicht mehr regelmäßig gearbeitet! Dennoch sind wir unserem Impuls nachgegangen. Auf unsere Anfrage hat sie sofort zugesagt. Nun folgten für Natascha einige schwere Tage und Wochen. Das hatte sie selber nicht gedacht! Aber sie hat es geschafft!

die Arbeit im Kuhstall ist hart

„Es war schwer, die ersten Wochen durchzustehen, regelmäßig auf Arbeit gehen, Verantwortung übernehmen und nicht nachlassen! Ich dachte, ich schaffe es nicht, ich habe die erste Woche so geschwitzt und das mitten im Winter! Aber ich sehe auch jeden Monat mein Gehalt auf der Hand. Es lohnt sich, aktiv zu werden und sich nicht mehr weiter treiben zu lassen.

Ich hatte nicht mehr damit gerechnet, dass ich diese Möglichkeit bekomme und sie auch nutzen kann. Ich weiß schon lange, dass es Gott gibt, aber nun kommt mein Leben so langsam wieder auf die Reihe! Ich habe sogar wieder Strom im Haus und kann auch schon meinen Freunden mit Kleinigkeiten helfen. Danke für neue Perspektiven!“

 Wenn wir hilflos sind...!

Es gibt aber auch Situationen, wo wir richtig hilflos sind und fragen warum...? So starben uns in kurzer Zeit vier Milchkühe weg. Gerade waren wir an einem Punkt, wo wir die Aussicht hatten, jeden Tag für alle genügend Milch bereitstellen zu können - und dann das. Jeder menschliche Plan wird in Sekunden über den Haufen geworfen! Für mich ist es eine der schwersten Aufgaben in diesen Situationen zwischen Leben und Tod entscheiden zu müssen, gar noch im buchstäblich letzten Moment der Kuh die Schlagadern aufzuschneiden, um so wenigstens noch das Fleisch verwenden zu können.

Noch schlimmer ist für uns den Verlust von Menschen und Freunden zu verkraften. Da sind Personen, die jahrelang mit uns gegangen sind und auf einmal sind sie weg, gehen ihren eigenen Weg! Meist sind es die Verlockungen des Wohlstandes, oder einfach wenn sie einen Punkt erreicht haben, an dem sie sich nicht mehr ändern wollen. Und dennoch wissen wir, dass wir nicht alleine sind- egal welche Situation - wir wissen uns getragen in Gottes Hand, dass uns alles zum Besten dienen muss und dass wir viele Freunde und Beter in der Heimat hinter uns haben.

 Neuer Wein in alten Schläuchen!

So langsam zieht auch in der dörflichen Gegend moderne Haushalttechnik ein. Weniger bei Waschmaschinen - denn es mangelt immer noch an fliesendem Wasser; aber Wasserkocher, elektrische Heizgeräte, Musik- und TV Anlagen usw.. Die elektrische Installation der Katen ist aber nur für 40 Watt Glühlampen ausgelegt. So passiert es in der letzten Zeit immer häufiger, dass die Häuser einfach wegbrennen.

In einer kalten Januarnacht waren wir bei unserem Nachbar zu Löscharbeiten gerufen worden. Der Dachstuhl stand in Flammen, Wasser zogen sie mit Eimern aus dem Brunnen bei minus 15 Grad Celsius. Durch Einsatz der eilig aus der Bäckerei herangeschafften Feuerlöscher konnte ein Totalverlust des Hauses abgewendet werden. Anschließend halfen wir mit Baumaterial und stellten auch Wohnraum für die Familie bereit. Der Vater aber wollte im Haus bleiben, um so Plünderungen zu verhindern. Nach einer Woche stand die neue Esse und auch das Dach war verschlossen, langsam zog Normalität ein.

 Felder oder Seen?

Der Winter hat in der Ukraine im Durchschnitt etwa 60 % des Wintergetreides vernichtet. Vor allem Weizen und Raps haben sehr gelitten. Gott sei Dank verzeichnen unsere Felder nur geringe Verluste. Nur auf dem einen Feld kämpfen wir gegen stehendes Tauwasser.

eines unserer Felder hatte einen Wasserschaden

Eine Bodenbearbeitung ist nur schwer möglich, da immer wieder die Technik stecken bleibt. Und dennoch stellen wir uns auf die Verheißung von Saat und Ernte.

Durch eine zweckgebundene Spende konnten wir eine Kartoffellegemaschine anschaffen. Das erleichtert uns die Arbeit sehr und wir danken dem Spender herzlich. Es werden dieses Jahr zwei Hektar Kartoffeln gelegt, um dann auch wieder den bekannten sozialen Einrichtungen mit Speisekartoffeln zu helfen.

unser alter Tracktor mit der Kartoffellege-Machine auf dem Kartoffelfeld

In der Bäckerei wird fleißig gebacken. Die Produkte finden guten Absatz. Auch Butter und Milch können wir in der Stadt verkaufen. Zu kämpfen haben wir nach wie vor mit den staatlichen Preisregelungen. Die allgemeine Inflationsrate beträgt derzeit 17%, das schließt Backzutaten ein, die Brotpreise sind aber festgeschrieben. So sind wir oft gezwungen, lieber etwas weniger zu backen und dafür im rentablen Arbeitsbereich zu bleiben. Für uns ist hier einfach wichtig, dass die Leute in der Bäckerei beständig arbeiten und auch Verantwortung übernehmen.

beständige Arbeit in der Bäckerei

Das hat sich in den letzten Jahren gut entwickelt. Es ist schön für uns am Morgen gut gelaunte Bäcker zu treffen, Menschen, die in die Arbeitswelt gefunden haben und damit auch glücklich sind.

Wenn wir unsere Vereinsarbeit rückblickend betrachten, bin ich in manchen Dingen sehr kritisch. Wir haben oft vergessen, dass hier eine andere Mentalität herrscht. Da machen Christen oder Juden, Ukrainer oder Russen keinen Unterschied. Wir haben immer in guter Absicht geholfen und haben doch ab und an damit Trägheit und Unlust unterstützt. Umso schöner für uns jetzt zu sehen, welche Personen wirklich Hilfe wollen.
Genauso gespannt bin ich, wie wir diese Arbeit in zehn Jahren sehen werden! Wir geben uns hin, im besten Wissen und Gewissen und vertrauen darauf, dass der Vater im Himmel den guten Samen aufgehen lässt und SEINE Ernte hervorkommen wird.

Wir freuen uns auf alle Besucher, die sich für dieses Jahr bereits gemeldet haben. Bei wem Interesse besteht, uns und die Arbeit hier vor Ort kennen zu lernen, bitte meldet Euch an. Eine Terminabsprache ist dringend notwendig, weil schon viele Wochen belegt sind.

Wir danken Euch allen für jede Unter-stützung und bleiben verbunden mit Euch!

viele Grüße aus der Ukraine

Mit lieben Grüßen aus der Ukraine!
Achim, Gabi und Helena


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