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Rundbrief - April 2008






Protopopowka, den 28.04.2008

Liebe Freunde,

Es ist schon ein Monat her, seit wir uns zu unserer Jahreshauptversammlung in Elsterberg getroffen haben. Bald erwarten wir eine Gästegruppe aus Deutschland, also allerhöchste Zeit, euch die neusten Ereignisse mitzuteilen. Doch als erstes möchten wir uns noch einmal für alle Treue im Beten und Geben bei euch bedanken!

Es ist erstaunlich, wie die Krise in den USA auch ihre Auswirkungen in der Ukraine hat. Viele ukrainische Auswanderer haben ihr Heimatland nicht vergessen und so ist mit der Zeit ein fester Spenderkreis entstanden. Kinderheime konnten mit regelmäßigen Zuwendungen rechnen und den Haushalt entsprechend planen. Nun kommen aber immer wieder Signale aus den USA, dass es im Moment nicht mehr so möglich ist. Das bringt die Kinderheime besonders bei dem Abdecken der laufenden Kosten unter enormen Druck.

Umso dankbarer sind sie für die unentgeltliche Bereitstellung von Milch, Quark und Brot. Es hilft ihnen schon sehr zu wissen: Für das tägliche Brot ist gesorgt. Ab und an können wir auch etwas mehr tun und zu Brot kommt Wurst oder Fleisch.

Für unsere Bäcker sind wir dankbar, es gelingt immer wieder, die Backwaren mit einer stabilen Qualität auszuliefern. Natürlich sind wir da auch immer wieder auf dem Weg und nie am Ziel. Wir haben in Bäckerei, Verkauf und auch bei den anderen Arbeitern auf dem Hof oder im Stall eine stabile Mannschaft gefunden. Trotz des relativ geringen, aber regelmäßig gezahlten Gehaltes halten sie uns die Treue. Ab und an verlässt uns auch einmal jemand, wir können und wollen auch keinen zwingen, mit uns hier zu arbeiten. Das mit uns ist eben doch für sie sehr ungewöhnlich. In der Ukraine wird eher für sich selbst gearbeitet. Darin sind auch die Besonderheiten bei uns eingebunden. Wenn wir täglich mit unseren Leuten zusammen sind, gibt es viele Situationen, die uns immer wieder herausfordern. Sicher wäre es einfacher, vieles laufen zu lassen, doch so kommen die Menschen nicht wirklich weiter. Wir wollen ja, dass alle in die wahre Freiheit kommen, dabei ihr eigenes Geld verdienen und auch lernen, damit umzugehen. So ist es diese Kleinarbeit, die uns immer wieder bis ins Letzte fordert. Dabei leiden wir so unter Undank und Egoismus der Menschen hier im Land.

Heute hat es geregnet, eine wahre Wohltat nach den Erfahrungen des letzten Jahres. Viele tausend Hektar Ackerfläche in der Ukraine sowie auch unsere Felder waren bestellt und warteten auf Regen. Eine unserer Angestellten war aufgebracht, weil es zu "früh" geregnet hat. In unserem anschließendem Gespräch hat sie mir wortreich und laut erläutert, dass ihre 300 qm Gemüsegarten nicht fertig sind. Auf die Frage, ob alle anderen Felder trocken bleiben müssen, weil sie noch nicht so weit ist, wollte sie mir nicht antworten!
Nach dem Vereinstreffen fuhr der Vater unseres Landwirts Christian Matthes mit uns in die Ukraine. Matthes, der alte ( 74 Jahre) - so sagt er selbst - hat alle seine landwirtschaftlichen Erfahrungen bei uns eingebracht. Schwerpunkt war die Arbeit mit den Pferden. So lernte ich aus erster Hand mit Pferden Kartoffeln richtig in die Erde zu bringen. Wir sind da gemeinsam am Tag bis zu 22 km gelaufen. Da waren nicht nur die Pferde klitschenass und fertig. Alle Hochachtung vor den früheren Generationen, wo das ja die alltägliche Arbeit war! Noch einmal einen herzlichen Dank an Gotthard Matthes und seine Familie, die ihn auch von den häuslichen Pflichten frei gestellt hat.

Während der Wintermonate haben wir fast alle Seminare abgeschlossen, nur unser Deutschkurs läuft noch weiter. Sehr interessant war für uns z.B., dass gerade diejenigen, die immer wieder krank sind und dann zu uns kommen, um Medikamente oder Hilfe zu bekommen, keine Lust hatten, das Gesundheitsseminar zu besuchen. Aber auch da haben wir dazu gelernt, dass diese Leute dann auch zur ukrainischen medizinischen Behandlung gehen sollen. Das ist uns nicht angenehm, wir sind aber nicht hier, um uns nur ausnutzen zu lassen, ohne das wir ein Signal sehen, dass uns sagt: Wir sind bereit für Neues!
Um so mehr freut uns, dass etliche unserer Angestellten Geld investiert haben zum Kauf eines Entsafters, um so den Vitaminbedarf aus dem vorhandenen Obst und Gemüse abzudecken.

Die wirtschaftliche Situation im Land ist kompliziert und es wird sehr spannend werden, wie es weiter geht. Ein Ende der Teuerung ist nicht in Sicht. Politisch gibt es gar keine Bewegung, es schaut sich fast so an, als gäbe es keine Regierung im Land. Die Behörden leben in Selbstherrlichkeit und Wohlgefallen. Letzten Monat habe ich ein Auto umgemeldet, da war ich zwei Tage damit beschäftigt, bis alles fertig war. Ich frage mich oftmals, woher ich die Geduld und die Kraft für solche Prozeduren bekomme!

Für unseren Kindergarten im Dorf konnten wir Anfang des Jahres eine neue, große Dunstabzugshaube sponsern. Die Montage in der Kindergartenküche war nicht so einfach, so mussten neue elektrischen Leitungen, Steckdosen usw. verlegt und eine ordentliche Beleuchtung geschaffen werden. Kindergarten und Dorfrat haben sich herzlich bedankt. Im Rehabilitationszentrum herrscht eine stabile Situation. Durch die Tierhaltung in einer kleinen Außenstelle sind sie auf dem Weg zur wirtschaftlichen Selbstversorgung. Über die Wintermonate war jedes Bett belegt. Eine kleine Gruppe der Rehabilitanden half uns beim Kartoffellegen.

Der Verein konnte zwei Familien durch Bereitstellung von Wasserpumpen zu fließendem Wasser verhelfen. Für uns kaum fassbar, wenn dann eine vierzigjährige Frau von der Erfüllung ihrer schönsten Träume spricht! Fließendes Wasser bedeutet nicht nur, dass das Wasser für die Bewässerung des Gartens nicht mehr aus dem Brunnen hochgezogen werden muss, jetzt besteht auch die Möglichkeit für die Nutzung einer Waschmaschine und eines Warmwasserboilers.

Wir freuen uns auf alle Gäste, die wir in diesem Jahr erwarten dürfen. Der Terminkalender ist schon ziemlich angefüllt, wer noch Interesse hat, sollte sich bald bei uns melden.


Mit lieben Grüßen aus der Ukraine,
         Achim, Gabriele und Helena Döbrich