Ellefeld,
den 23.08.2006
Liebe Vereinsfreunde!
Schon einige Wochen sollte dieser
Brief in Euren Händen sein, aber das Leben spielt oft
anders! Durch meinen Unfall im April war ich für längere
Zeit vom Computer verbannt. Bei einem Sturz vom Gerüst
hatte ich ein Handgelenk gebrochen.
Endlich wieder fit, sollte der neue Brief bald geschrieben
sein. Da hatte ich bei Reparaturarbeiten an der Mühle
eine Fingerspitze eingebüßt und wieder war ich
beim Schreiben sehr behindert.
In all dem frage ich natürlich, was Gott mir sagen
will. Es ist für mich schon schwer, wenn ich einen
ganzen Sommer mehr oder weniger bei der Arbeit nur zusehen
kann. Ein sehr eindrückliches Erlebnis war die medizinische
Versorgung! Wir waren ja schon oft in Krankenhäusern,
haben Hilfsgüter (u.a. Krankenhausbetten, Matratzen, Bettbezüge, Toiletten) übergeben und haben viele Zimmer
und OP- Räume gesehen, Fotos und uns Gedanken gemacht.
Aus der Patientenperspektive sieht das alles noch etwas
schlimmer aus. Gut, Erwachsene können schon mal die
Zähne zusammenbeißen, aber die Kinder - es tut
mir im Herzen leid!
Ich möchte hier nicht klagen, aber alle, die uns auch
im Gebet bedenken, bitte ich, uns weiter zu tragen und um
Gottes Schutz zu bitten.
Die Arbeit hier ging natürlich weiter und es gibt einiges
zu berichten.
Anfang April war unser "Bäcker - Christian" mit seiner
Frau bei uns zu Gast und führte
1 Woche lang eine Schulung in der Bäckerei durch. Es
war für alle eine intensive Zeit. Qualitätsverbesserung
und neue Produkte waren das Ziel und auch das Ergebnis.
Kurz darauf kam eine Minigruppe aus Deutschland, um noch
abschließende Arbeiten an der Elektrik im Haus und
im Stall durchzuführen.
Im Mai war eine Gruppe von "Kirche Unterwegs" aus Jocketa
zu Gast. Gemeinsam besuchten wir viele Einrichtungen wie
Kindergarten, Rehazentrum und Kinderheim. überall konnte
ganz konkrete Hilfe geleistet werden. Da waren wir gemeinsam
mit der Leiterin des Kindergartens auf dem Markt Spielzeuge
und Geschirr kaufen, oder Lebensmittel für das Kinderheim.
Viele Besuche konnten gemacht werden, es gab auch wieder
ein Treffen mit der Volksgruppe der Deutschen, um überall
ein wenig Hilfe und ein Stück Gottes Liebe zu bringen.
Wir sind allen Spendern und Organisatoren sehr dankbar.
Durch diese Aktion konnte auch die kostenlose Lieferung
von Brot an das Rehazentrum und das Krankenhaus um fast
ein halbes Jahr verlängert werden, dazu gab es noch
zusätzlich neue chirurgische Instrumente.
Seit dem Frühjahr finden sonntags in unserem Haus gottesdienstliche
Versammlungen statt. Alle Mitarbeiter und Nachbarn sind
herzlich eingeladen. Von diesem Angebot wird unterschiedlich
Gebrauch gemacht, für uns ist es immer wieder eine
ganz spezielle Zeit. Seit einiger Zeit üben wir auch
in einem Bläserduo, das braucht noch etwas Zeit, aber
erste hörbare Ergebnisse sind schon da. Zum Singen
greifen wir doch meist auf die Gitarre zurück.
Die in unserem Verein eingegliederte Firma bestellte in
diesem Jahr 110 Hektar Land. Es wurden Weizen, Gerste, Roggen,
Kartoffeln, Mais und Luzerne angebaut. In unserem großen
Gemüsegarten wachsen Kohl, Rüben, Kohlrabi, Salat,
Paprika, Tomaten und alles was unsere Küche und auch
die Schulküche brauchen.
Neben den Schweinen gibt es 10 Kühe. Aus der nicht
benötigten Milch wird Quark und Butter für den
Eigenbedarf und für die Bäckerei hergestellt.
Auch das Kinderheim in Alexandria wird so mit diesen Produkten
versorgt. Die Kosten werden durch Spenden abgedeckt. Auf
diese Art werden wir auch in diesem Jahr wieder unsere befreundeten
Einrichtungen mit Speisekartoffeln versorgen können.
Politisch ist die Lage im Moment ja noch sehr unklar. Seit
Monaten hat sich nichts Wesentliches bewegt, in Kiew gab
es wohl nur eine Frage: Wer wird Ministerpräsident
und wer Premierminister? In dieser Zeit hat Russland die
Einfuhr von landwirtschaftlichen Produkten aus der Ukraine
ausgesetzt und das Land blieb auf Milch, Käse, Fleisch
usw. sitzen. Dies hatte zur Folge, dass auch keine Milch
vom Großhandel mehr abgenommen wurde und viele von
der Landbevölkerung verkaufen jetzt ihre Kuh, einst
ihre Lebensgrundlage und heute nur noch Ballast! Daraus
ergibt sich, dass viele Arme noch ärmer werden und
die Depression und der Alkoholmissbrauch noch stärker
um sich greifen. Dieser politische Schachzug Russlands trifft
wieder die ärmsten und schürt die Stimmung gegen
die jetzige Regierung. Dies alles wird noch begleidet von
Preiserhöhungen bei Gas, Treibstoff und Strom, im Laufe
des letzen Jahres um fast 100%.
Da ist es sehr schön zu sehen, wie die bei uns beschäftigten
25 Personen jeden Monat ihr Gehalt bekommen. Das ist sicher
nicht der Riesenlohn, aber dafür regelmäßig
und selbst erarbeitet.
Wir hatten in der Vergangenheit versucht, Männer die
eine Rehabilitation wegen Drogen-und Alkoholsucht durchlaufen
hatten, in unsere Firma zu übernehmen. Das hat sich
trotz eines "Familienanschlusses" als nicht machbar erwiesen,
da eine Zwischenstufe fehlt und der Sprung zu uns und in
ein Arbeitsleben doch sehr groß ist. Das Reha-Zentrum
baut im Moment an Arbeitsmodellen, die eine schrittweise
Heranführung an das Leben ermöglichen sollen.
Auch in diesem Jahr werden wir die Schulküche weiterbetreiben
können. Die ärmsten vom Dorf werden dort unentgeltlich
versorgt. Für die große Masse gibt es staatliche
Zuschüsse, wenn diese auch oft sehr zeitverschoben
fließen. Das Vereinsziel - Menschen langfristig zu
helfen und dabei auch das Evangelium weiter zu sagen - ist
auch in der jetzigen Zeit eine große Herausforderung.
Die Arbeit bereitet uns hier bei allen immer wieder auftretenden
Schwierigkeiten dennoch Freude.
Wir wissen, dass viele Beter und Spender in unserer deutschen
Heimat hinter uns stehen. Dafür Euch allen ein ganz
herzliches Dankeschön. Hier stehen zu bleiben ist nur
mit viel innerer Ruhe und der Gewissheit möglich, am
richtigen Platz zu sein; Gaben die uns nur Gott geben kann!
Und die Erfahrung, viele treue Freunde in Deutschland zu
haben, ist uns ein großes Geschenk!
So grüßen wir Euch alle ganz herzlich aus der
Ukraine!
Achim mit Gabi und das ganze Nehemia-Team!