Protopopowka, den 07.08.2008
Liebe Vereinsfreunde!
Dies ist der zweite Brief in diesem
Jahr und ich weiß, dass es wieder sehr spät geworden
ist. Der Inhalt und die Form unseres Briefes soll sich neu
gestalten. So Gott will, werden wir dank der modernen Technik
auch noch optisch einiges verbessern können. Es gibt aber
viele Neuigkeiten, die ich auf diese Seiten bringen muss.
Wem es zu viel ist, der mache es wie bei einem Roman und
beginne beim letzten Absatz . Euer Interesse wird geweckt
sein. Zunächst möchte ich Euch mit ein paar kurzen Episoden
an dem Leben hier teilnehmen lassen!
Mama Swetlana!
Im letztem Jahr war Swetlana - alle sagen Mama Sweta - schon
für einige Monate zu uns gekommen. Irgendwann, nach einer
Geburtstagsfeier bei ihren alten Freunden, kam sie nicht
zurück. Wir suchten und fanden sie in einem schlechten Allgemeinzustand.
Alkohol und mangelnde Hygiene hatte Mama Sweta, die schon
70 Jahre alt ist - schwer zugesetzt. " Komm wieder nach
Hause!" baten wir. "Nein, ich schäme mich ja so, lasst mich
in Ruhe." Fast ein Jahr ist vergangen, da steht sie eines
Morgens vor unserer Türe. "Lasst mich bitte rein, ich möchte
zurück." Schwer gebückt, auf einem Stock gestützt und Tränen
in den Augen schleppt sie sich durch die Gegend! Schnell
waren wir uns einig, ihr zu helfen! Wir richteten ein Zimmer
für sie her, halfen ihr bei der Grundreinigung des Körpers
und gaben ihr neue Kleider. Innerhalb weniger Wochen regenerierte
sich ihr Körper und ihr Geist. Jetzt läuft sie wieder ohne
Stock, hilft den ganzen Tag in der Küche, und wir müssen
aufpassen, dass sie nicht zu viel "Kommandogewalt" in der
Küche an sich reißt.
Das Wunder im Kindergarten!
Nun ist es uns endlich gelungen, im
hiesigen Kindergarten die Wasserleitungen weiter zu verlegen.
Das heißt, im Jahre 8 nach der zweiten Jahrtausendwende,
hat der staatliche Kindergarten fließendes Wasser in der
Küche und auch Waschbecken und die WCs sind mit Wasser versorgt.
Am vergangenen Dienstag hat der Kindergarten seine Sommerpause
beendet und die Kinder aus dem Dorf strömten wieder in das
kleine Gebäude. Viele der Kinder sahen zum ersten Mal in
ihrem Leben wie "Wasser aus der Wand kommt "! Allen Spendern
ein herzliches Dankeschön!
Die Ernte ist reif, aber die Arbeiter - und Erntefahrzeuge
- sind wenig!
Nach der Missernte im vergangenen Jahr konnten wir auf unseren
Feldern und Gärten eine wunderbare Ernte heranwachsen sehen.
Alles Korn stand prächtig! Kartoffeln und Kraut eine Pracht,
Rüben und Möhren so herrlich wie noch nie! Nun haben hier
die landwirtschaftlichen Firmen unter 800 Hektar keinen
eigenen Mähdrescher. Da gibt es eine Firma, welche vier
Stück besitzt und kommt dann zu jedem auf Bestellung. Dieses
Jahr waren drei Maschinen am Schwarzen Meer und arbeiteten
sich Richtung Norden. Eine Maschine verblieb hier und der
Kampf begann! Mit Bestechung holten sich die Bauern gegenseitig
immer wieder den Mähdrescher auf ihre Felder. Ein zähes
Ringen begann für uns! Nach drei Wochen Vertröstung -" vielleicht
übermorgen Mittag" - sagte der Chef endlich einmal, wenn
er keine anderen Kunden mehr hat, kommt er zu den Deutschen!
Wir waren in dieser Zeit sehr angespannt, so manche Regenwolken
zogen über uns hinweg, wir verbrachten viel Zeit im Gebet!
Verbrannte Erde!
Am 24 Juli, wieder so ein heißer Tag, zogen abends dunkle
Schwaden durch die Luft. Das dumpfe Gefühl wurde schnell
zur Gewissheit: Unser Weizenfeld brennt! Mit allem, was
zum Löschen geeignet ist, eilten wir auf das Feld, auch
die Feuerwehr kam. Der frische Wind trieb die Flammen immer
weiter, irgendwann in der Nacht war das Feuer unter Kontrolle.
Mit Bangen fuhr ich am nächsten Morgen auf dieses Feld,
Gott sei Dank! Nur etwa 15 Hektar sind vernichtet worden!
Bei dem Wind, der immer wieder stark aufkam, ein Wunder.
Das brennende Feld wird für mich ein Erlebnis sein, dass
ich nicht so schnell vergessen werde. Am Tag danach kamen
viele Menschen, um ihr Bedauern auszudrücken, da sehr schnell
bekannt wurde, dass eine Selbstentzündung auszuschließen
ist.
Gute Nachrichten aus dem Kinderheim!
Auf Bitten der Heimleitung
nahmen wir einen Jungen aus dem Kinderheim den Sommer über
zu uns. Der Wunsch des Jungen war, sich etwas Geld zu verdienen,
und Arbeit gibt es ja genug. Die Absicht der Heimleitung
war, dem jungen Mann einen Einblick in das tägliche Leben
zu geben, dass außerhalb der Mauern des Kinderheimes auf
ihn wartet. So hatten wir Montag bis Freitag immer eine
große Hilfe an unserer Seite. Am ersten Wochenende im Kinderheim
erzählte er stolz von der Arbeit, die er machen durfte (
Rasen mähen, Autos und Traktoren waschen, Gartenarbeit u.v.m.),
er erzählte dann aber auch ganz erstaunt: "Die Deutschen
schauen gar kein Fernsehen!" Wir achteten schon darauf,
dass Sergej nicht mehr als acht Stunden am Tag uns half,
und dass er auch in seiner freien Zeit sich sinnvoll beschäftigte.
Jetzt warten sie im Kinderheim schon sehr auf die Kartoffelernte.
Auch in diesem Jahr werden sie wieder zwei Tonnen Kartoffeln
von uns erhalten.
Wenn Dämme brechen!
Sonnabend, der 26.07.08 - zwei Tage nach dem Feuer, ein
wunderschöner Tag geht zu Ende. Wir warten immer noch auf
einen Mähdrescher und sind doch froh, denn das Wetter scheint
zu halten. Wir haben Mama Sweta zum Grillen eingeladen und
sitzen im Garten. Wieder einmal ziehen dunkle Wolken heran,
danach wird es sehr still, die ganze Natur scheint den Atem
anzuhalten. Nach wenigen Minuten erleben wir eine Art Sintflut!
Straßen werden zu reißenden Flüssen. Im Wasser schwimmen
Gurken, Tomaten, Kürbisse und Kartoffeln, dazu jede Menge
Müll und Plaste. Von weitem sieht alles aus wie ein großer
Eintopf! Und wieder gehen wir mit unsicheren Schritten auf
unsere Felder. Der Weg ist gesäumt von ausgerissenen Bäumen,
zerfetzten Strom- und Telefonleitungen, aufgerissenem Straßenbelag.
Das Kartoffelfeld und die 18 Hektar Roggen haben das Unwetter
recht gut überstanden. Auch der Rest des vom Feuer heimgesuchten
Feldes sieht auf den ersten Blick nicht schlecht aus. In
uns macht sich Entspannung und Dankbarkeit breit! Rundherum
wurden viele tausend Hektar Getreide und Gemüse vernichtet.
Es folgen Tage ohne Strom, Wasser und Telefon. Und noch
10 Tage warten und dann endlich kam der Mähdrescher! Jetzt
war nur noch schnell zu ernten. Der Roggen ist unter Dach
und Fach, jetzt den Rest Weizen und die Gerste! Die nächste
überraschung wartet nicht lange auf sich. Das Feld ist trocken,
doch der ganze Untergrund ist wie ein Schwamm, vier - fünfmal
ziehen wir den Mähdrescher mit unseren Traktoren aus dem
Schlamm, dann will die Erntefirma nicht mehr weiter arbeiten.
Unsere Bitte auf einen weiteren Versuch wird durch einen
neuen Platzregen beendet.
Mut und Vertrauen!
Nach sechs Jahren in der Ukraine sitze ich nun vor dem PC
und kann mich der Tränen nicht wehren. Wir kennen den weiteren
Plan Gottes nicht. Unsere Kraft und auch unsere privaten
finanziellen Mittel sind aufgebraucht. Dennoch sind wir
bereit, den Weg, den Gott für uns hat, weiter zu gehen!
Um hier weiter ausharren zu können, brauchen wir aber ein
Zeichen Gottes, ein Wunder! Wir haben geredet, gebetet und
uns mit unseren Seelsorgern beraten und sind zu folgendem
Entschluss gekommen: Wenn Gott das Wunder geschehen lässt,
dass Menschenherzen bewegt werden, den finanziellen Verlust
von etwa 25 000 Euro durch Spenden auszugleichen, bleiben
wir weiter hier im Dienst. Wenn nicht, werden wir versuchen,
nach Abschluss der Kartoffelernte einen geeigneten Weg zu
finden, wie das Ganze hier ohne uns weiter gehen kann. Gabi,
Helena und ich kämen dann wieder nach Deutschland zurück.
Das ist nicht gerade unser Wunschtraum, denn wir sind gerne
hier und das mit ganzem Herzen. Wir lieben unsere Leute
hier vor Ort und sind uns auch aller Verantwortung ihnen
gegenüber bewusst. Wir haben das tiefe Vertrauen, dass das
Richtige passieren wird, für uns und für die Menschen hier
und auch für alle die, die von uns täglich mit versorgt
werden, ob Rehazentrum oder Krankenhäuser, Kinderheim oder
die anderen Einrichtungen. Für alle wird es weitergehen!
Die Bäckerei hat noch für etwa sechs Wochen Mehl, solange
werden wir für alle, wie gewohnt weiter arbeiten. In diesem
Zeitraum - denke ich - ist auch schon absehbar, wo der Weg
hin führen wird. Jetzt danke ich allen treuen Betern und
Spendern, auch denen einmal ganz besonders, die uns immer
wieder angerufen haben und mit Trost und guten Worten zur
Seite standen, auch denen, die sich immer wieder aufgemacht
haben, hierher zu kommen. Ohne Euch kann die Arbeit nicht
gedeihen! Wir leben trotz all dem nicht in Depression und
Niedergeschlagenheit, sondern viel mehr in der Gewissheit,
dass denen, die Gott lieben alle Dinge zum Besten dienen
müssen. Das hört und fühlt sich nicht immer sehr gut an,
eben wie gegen den Strich gekämmt! Es ist aber gut, weil
Gott gut ist!
Mit lieben Grüßen aus der Ukraine!
Gabi,
Achim und Helena
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