| |
|
|












|
 |
Rundbrief - Dezember 2004
Ellefeld,
den 03.12.04
Liebe Vereinsfreunde!
Sicher wartet Ihr schon länger auf neue Informationen
aus der Ukraine. Ich wollte gerne noch die Wahl abwarten,
um die neusten Entwicklungen mitteilen zu können. Nun
ist der zweite Wahldurchlauf abgeschlossen, und es haben sich
haarsträubende Dinge abgespielt. Es herrscht Ratlosigkeit
und Empörung, aber auch vollkommenes Desinteresse. Es
gab Menschen, die für ein Glas Wodka ihre Wählerstimme
verkauft haben!
Jetzt fegt ein eisiger Schneesturm über das Land und
lässt erst mal alle politischen Missstände vergessen.
Für viele geht es heute wieder um die elementaren Dinge
wie Strom, Wasser, Heizung und Brot.
Uns geht es um die Menschen hier. Da erleben wir immer wieder
tolle Situationen. Als ich im September auf dem Weg nach Deutschland
war, so kurz hinter Kiew, erhielt ich die Nachricht, dass
die zwei Hauptbäcker gekündigt haben. Das war eine
Überraschung! Das verkürzte meinen Aufenthalt in
Deutschland auf ein Minimum. Doch auf dem Rückweg war
ich schon voller Dankbarkeit im Herzen, denn ich wusste, dass
unser Bäcker Christian Wittig bereits vor Ort war. Er
bekam von seinem bisherigen Arbeitgeber sofort frei. Mit dem
Flugzeug war er schnell in die Ukraine geflogen und hat die
Situation gerettet. Nach diesem Vorfall haben wir beschlossen,
dass für die Bäckerei zukünftig mehr voll ausgebildete
Mitarbeiter zur Verfügung stehen müssen. So wurde
für alle noch arbeitenden Bäcker durch Christian
ein Lehrgang durchgeführt. Auch Iwan und ich nahmen daran
teil, so dass wir beide im Notfall den Backbetrieb übernehmen
können. Es war für uns schon etwas besonderes, alle
Arbeitsgänge für die Herstellung eines Brotes selbst
mitzumachen: Anfertigen und Kneten des Teiges, Formen der
Brote und natürlich der Backvorgang selbst. Es waren
drei schwere Wochen für mich. Die Doppelbelastung am
Tag und in der Nacht war sehr anstrengend, aber es hat sich
gelohnt! Nach fast vier Wochen ist Christian wieder zurück
geflogen. In der Bäckerei geht es nun gut voran. Es herrscht
ein ganz anderes Klima bei der Arbeit. Wir haben mehr Beziehung
zueinander, wir beten gemeinsam vor der Arbeit und sind auch
am Morgen mit in der Backstube, um zu sehen wie es so geht.
Natascha hat sich entschieden, den Laden am Haus weiter selbst
zu betreiben. Wir treffen uns regelmäßig zum Hauskreis.
Auch weitere Nachbarn kommen jetzt mit dazu. Im Rehabilitationszentrum
in Aleksandria haben wir gemeinsam einen Sanitärbereich
geschaffen, mit Dusche und richtigem WC wie in Deutschland,
und einen Waschraum mit drei Waschplätzen.
Seit Mitte Oktober ist Landwirt Christian Matthes bei uns.
Er bringt in die Tierhaltung Ordnung und System. So kam nun
auch noch eine Kuh zu unserem Tierbestand.
Wir erleben immer wieder, wie Einheimische stur sind, wenn
etwas anders gemacht werden soll, wie sie es bisher gewöhnt
sind. So wie das in den praktischen Dingen ist, ist es auch
im geistlichen Bereich, leider viel hartnäckiger und
schlechter sichtbar. Es kostet viel Kraft und Zeit, da einiges
zu Verändern. Gut, dass bei unserem Vater im Himmel unendlich
viel Kraft, Geduld und Zeit ist. Mir fehlt sie manchmal und
ich muss mich da auf Gott besinnen, um neu Freude und Kraft
zu schöpfen.
Im September hat uns der Direktor der Schule in unserem Ort
gefragt, ob wir die Schulspeisung sponsern könnten. Wir
haben uns die ganze Sache mal angeschaut und waren geschockt.
Die Schulküche ist ohne Wasser und Abwasser, hat keinen
Kühlschrank und nur Aluminiumbesteck und altes Geschirr.
Das glaubt man nicht, wenn man es nicht gesehen hat! Die elektrischen
Anlagen sind total veraltet und nur eine Steckdose ist in
der ganzen Küche vorhanden. Die Heizung und die Fenster
sind defekt. Die Köchin arbeitete schon zwei Jahre ohne
Lohn. Die Kinder bringen Kartoffeln oder etwas anderes mit,
und es gibt als Mittagessen irgendeinen Brei oder Suppe mit
Tee und Brot. Die Eltern bezahlen für so ein "Essen"
25 Kopeken, das sind etwa 4 Cent!
Wir haben einen Plan erstellt, Kalkulationen gemacht und gebetet,
was Gottes Wille hier ist. Das Erste war eine intensive Grundreinigung
der Küche und des Speisesaales. Bei einem Treffen mit
der Elternvertretung konnten wir die Skepsis der Eltern überwinden
und haben den Auftrag angenommen. Wir erstellten einen neuen
Preis mit 1 Griwna, dass sind etwa 0,15 Euro für ein
Essen. Da sponsert der Verein bzw. die Bäckerei pro Essen
noch zusätzlich etwa 0,10 Euro dazu, so kommen wir zu
einem ordentlichen Mittagessen. Es gibt im Wechsel, einen
Tag Suppe mit Brot, Tee und einem süßen Brötchen,
den nächsten Tag Kartoffeln mit Spiegelei, Tee und Brot
, oder Nudeln mit Tomatensoße, Tee und Brot.
Am ersten Tag gab es gleich reichlich Aufregung. Die Räumlichkeiten,
die am Wochenende als Wahlbüro benutzt worden waren,
waren stark verschmutzt. Die Köchin war noch betrunken
und es war nicht mit ihr zu reden. Noch bevor sie das erste
Mal für offizielles Gehalt gearbeitet hatte, mussten
wir sie wieder entlassen. Wir standen da, mit einer Küche
ohne Köchin und dem Wissen, dass um 10.30 Uhr die ersten
Klassen kommen. Wir haben schnell zugegriffen und bald war,
wie ein kleines Wunder, das Essen bereitet.
Dies alles hatte auch sein Gutes. Mit neuen Leuten in der
Küche gibt es keinen alten Schlendrian. Es ist leichter,
etwas neues zu beginnen und aufzubauen. Wir wissen, dass es
schwer wird, aber wir werden mit den wichtigen Dingen beginnen:
Wasser, Abwasser, die elektrische Anlage und auch die Heizung
müssen in Ordnung gebracht werden. Also, die Handwerker,
die so gerne zu uns kommen, haben wieder ein weites Betätigungsfeld.
In diesem Jahr waren auch immer wieder Gäste bei uns.
Ich weiß nicht, wie oft ich in Kiew am Flughafen war,
die Leute an der Parkplatzwache kennen mich aber schon. Im
Namen aller danke ich Euch herzlich für allen Beistand
im Gebet, aber auch in den materiellen und ideellen Bereichen.
Durch Eure Unterstützung kann viel Gutes getan werden.
Manchmal sind es nur ganz simple Dinge, wie bei unserer Nachbarin.
Dort wurde schon vor einem halben Jahr die Stromleitung vom
Haus abgetrennt. Die Rentnerin hat bei dem Stromlieferbetrieb
2,50 Euro Schulden! Nach einem Sturz im Garten liegt sie weitestgehend
fest und kann auch bei den schon recht kühlen Temperaturen
kein Feuer machen. Ohne Wasser, ohne Strom ohne Hoffnung!
Wir konnten für sie die Schulden bezahlen und auch den
Wiederanschluss für 35 Euro. Außerdem haben wir
ihr einen elektrischen Heizkörper zur Verfügung
gestellt und die weiteren laufenden Kosten übernommen.
Das ist für uns nicht schwer, aber für die alten,
allein gelassenen Menschen ein Wunder und im doppelten Sinne
ein Licht in der Dunkelheit.
Wir wünschen allen eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit!
Aus der Ukraine grüßen wir Euch herzlich!
Achim, Gabi, Helena und das ganze Team
|
|
 |
|